2. Berlin-Moskau Mediengespräch
Offener Gedankenaustausch deutscher und russischer Journalisten in Zeiten der Krise. Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede
Nach einer
ersten Runde letztes Jahr in Moskau trafen sich Ende Januar zum zweiten Mal
zwanzig russische und deutsche Topjournalisten auf Einladung von Robert Bosch
Stiftung und Deutschem Digital Institut in Berlin zum offenen
Gedankenaustausch. Diesmal debattierten die Vertreter von Presse, Fernsehen,
Radio und Web, darunter Spiegel, FAZ, RTR-TV und Novaya Gazeta die aktuelle
Wirtschaftskrise, deren Bedeutung für die Geopolitik und die Rolle der Medien.
Hatten beim ersten Treffen die gegenseitige Medienwahrnehmung und deren Defizite
im Vordergrund gestanden, so suchten jetzt die Journalisten nach
Gemeinsamkeiten in der der Berichterstattung, identifizierten aber auch die
Unterschiede innerhalb der Länder und zwischen Deutschland und Russland.
Die
Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, Dr. Ingrid Hamm, betonte in ihrer
Einführung, wie wichtig neben offiziellen Großveranstaltungen wie den ebenfalls
stiftungsgeförderten Petersburger Gesprächen der eher informelle Austausch von
Meinungsträgern beider Länder sei, zumal politische Entscheidungen in enger
Verbindung mit öffentlicher Medienmeinung stünden
Der
Direktor des Deutschen Digital Instituts, Prof. Dr. Jo Groebel, analysierte in
seiner Eröffnungsrede als zentrale Faktoren in der herkömmlichen
Krisenberichterstattung Personalisierung, Polarisierung und überschaubare
Dramaturgie. Diese seien in der aktuellen Krise außer Kraft gesetzt. Die Folge
seien Unüberschaubarkeit und mangelnde Möglichkeit, abgeschlossene Geschichten
zu erzählen. Zudem sei mit Blogs und Twitter eine informelle, häufig auch
emotionalisierte Parallelöffentlichkeit entstanden, die traditionellen
Journalismus nicht ersetze, sehr wohl aber eine weitere bedeutende Quelle
biete.
Alle
stimmten entsprechend darin überein, dass die journalistischen Gemeinsamkeiten bei
den Herausforderungen der Krise in beiden Ländern größer seien als die
Differenzen. In Russland und Deutschland und bei den Organen ganz
unterschiedlicher Ausrichtung, genannt seien staatliches russisches Fernsehen
und Novaya Gazeta, stellt sich das gemeinsame Problem, der aktuellen Krise auch
nur annähernd mit Fakten und klaren Ursache-Wirkungs-Bezügen gerecht werden zu
können. Die wirtschaftliche Situation sei derart komplex, dass landläufige
journalistische Antworten fast zwangsläufig versagen müssten. Zudem sei allen
Medienschaffenden gemein, dass sie selbst durch finanzielle Einbußen sowie die
digitalen Veränderungen unmittelbar unter Druck stünden. Dies verwische auch
möglich ideologische Unterschiede. In dieser Debatte fiel besonders auf, wie kontrovers
aber auch konstruktiv und partnerschaftlich der Meinungsaustausch zwischen den
Journalisten verschiedener Auffassungen ablief.
Besorgt
zeigten sich alle Teilnehmer über eine mögliche Renationalisierung der
medienvermittelten öffentlichen Meinung in Russland. Dies werde der globalen
Dimension der Krise in keiner Weise gerecht. Bemängelt wurde ebenfalls von
allen ein immer wieder drohendes Russland-Klischee auf der Seite deutscher
Medien, speziell bei der Rolle in geopolitischen Konflikten, z.B. mit Georgien.
Hier sei eine häufig zu einseitige Schuldzuweisung geschehen.
Insgesamt
wurde das Gespräch als herausragende Chance gesehen, Missverständnisse und
Vorurteile gerade in der Krise zu entkräften und eine neue Beziehung
zwischen deutschen und russischen
Journalisten aufzubauen, ja sogar eine jeweils intranationale Medienplattform
zu bieten.
Umrahmt war das
Treffen von zwei Reden durch Professor Horst Teltschik, bis 2008 Leiter der
Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik, und Ruprecht Polenz, Vorsitzender
des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestags. Teltschik forderte eine
neue Sicherheitsarchitektur im Rahmen der EU, die den Sicherheitsinteressen
Russlands gerecht werde und neue Visionen über eine Neugestaltung des
Verhältnisses zwischen Russland und dem „Westen“. Er zitierte in diesem
Zusammenhang Ben Gurion „Wer keine Träume hat, ist kein Realist“.
Ruprecht Polenz hält
eine Mitgliedschaft Russlands in der Nato für denkbar. Voraussetzung sei
allerdings, dass Russland selbst die Mitgliedschaft beantragen würde. Das wäre
in der Vergangenheit nicht der Fall gewesen und er glaube auch für die Zukunft
nicht daran. Als nicht akzeptabel erachtete er die Haltung der russischen
Regierung zum Doppelmord des Menschrechtlers Stanislaw Markelow und der
Journalistin Anastassija Baburowa auf offener Straße in Moskau. Hier habe man
sich ein Signal von Seiten der Russischen Regierung gewünscht, dass man
Interesse an der Aufklärung dieser Morde habe.
Abschließend betonte
Groebel, dass der politische wie der Medien-Dialog bei allen Kontroversen nur
dann funktionieren könne, wenn man bereit sei, auch die Position der jeweils
anderen Seite verstehen zu wollen und auf Augenhöhe voneinander zu lernen.
Neugier sei schließlich das Leitmotiv journalistischen Handelns.
Robert Bosch Stiftung und Deutsches Digital Institut werden die Treffen weiterführen.
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